29. September 2017
Barbara Wehlen-Leibrock zu einem aktuellen Thema:

Erntedank


Mitten in der Stunde hatte Ellis Handy geklingelt. Gemeinsam mit ihrer Klasse hatte sie ein absolutes Handyverbot eingeführt. Wer dagegen verstieß, musste einen Kuchen backen. Das galt auch für Elli, die Klassenlehrerin.

Sie hatte schon ihre Tasche für den nächsten Tag gepackt, als es ihr wieder einfiel. Für morgen brauchte sie einen Kuchen. Aber was für einen ?

Elli schaute hinaus aus ihrem Arbeitszimmer. Es war ein schöner Spätsommernachmittag und das Laub färbte sich rot und gelb. Zu dieser Zeit waren sie als Kinder mit ihren Eltern und einem Rucksack losgezogen. Auf einer Wiese gab es einen Apfelbaum, der übervoll war, den aber niemand erntete. Sie packten die Äpfel dann in den großen Rucksack und ihre Mutter buk einen Apfelkuchen, dessen Duft durch das ganze Haus strömte. Dieser Duft lag Elli in der Nase. Ob es diese Wiese und den Baum wohl noch gab?

Sie grübelte kurz, nahm ihren Rucksack und zog los. Seit dem Tod ihrer Eltern vor einigen Jahren war sie nicht mehr den Weg zu dem Apfelbaum gegangen. Der Weg weckte Erinnerungen. Dort waren die Hecken, wo es im Sommer die besten Himbeeren und Brombeeren gab, daneben stand der Holunder, aus dem ihre Mutter einen Saft presste. Vorbei an den Wiesen der Bauern, durch den Kastanienwald zu der Wiese mit dem Apfelbaum. Als wäre es erst gestern gewesen, stand er übergroß und übervoll in der Sonne. Schon von weitem roch sie den Duft der Äpfel. Was war die Natur doch für ein ertragreiches Kunstwerk.

Danke, dachte sie, als sie die Äpfel in ihren Rucksack packte, was wären wir ohne die Natur. 





Zurück