30. Oktober 2017
Christian Weyer zu einem aktuellen Thema:

Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm!


Wir leben in einer Zeit starker und radikaler Umbrüche. Die Digitalisierung greift immer stärker in unseren Alltag ein. Weltweit flüchten Menschen vor Krieg, Verfolgung, Hunger und Not. Die Ressourcen der Erde gehen zur Neige.Entwicklungen, die die Welt in atemberaubender Geschwindigkeit verändern.

Die Menschheit steht vor großen Herausforderungen. Viele Menschen sind verunsichert und suchen nach Halt und Orientierung.

In dieser Zeit blickt die Evangelische Kirche anlässlich des 500. Reformationsjubiläums zurück zum Anfang des 16. Jahrhunderts. Auch damals war vieles in Frage gestellt und musste neu durchdacht wurde. Neue Kontinente und Länder wurden entdeckt. Die Forschung ging mit riesigen Schritten voran. Die Erfindung des Buchdrucks revolutionierte die Kommunikation.

Da wagte es der Mönch Martin Luther, geltende Grundlagen der Kirche und der Theologie zu hinterfragen. Ist es wirklich so, dass der christliche Gott unerbittlich und unbarmherzig fordert und straft? Kann man diesen Gott durch Leistungen oder Geldzuwendungen an die Kirche gnädig stimmen? Ist die die Kirche die alleinige Hüterin der Wahrheit? Kann sie jedem Einzelnen vorschreiben, was er zu denken und zu glauben hat?

Martin Luther entdeckte, dass dieses Hinterfragen befreit. Denn, wer fragt, der sucht nach Antworten. Und wer nach Antworten sucht, der beginnt nachzuforschen. So tat es Luther  - und studierte noch einmal eifrig die Bibel. Dabei gingen ihm die Augen auf für den gnädigen Gott, der ein Leben in Freiheit möglich macht. Nicht das, was ein Mensch leistet, zählt vor Gott. Ein zuversichtliches und gelassenes Leben entsteht nur aus dem Vertrauen auf Gottes unbegrenzte Liebe. Diese Erkenntnis fasste Martin Luther in seinen berühmten 95 Thesen zusammen, die er der Überlieferung nach, 1517 an die Schlosskirche von Wittenberg nagelte.

Martin Luthers Fragen und die der anderen Reformatoren führten zu einer Bewegung, die bald ganz Europa bewegte und veränderte. Im Mittelpunkt stand die revolutionäre Erkenntnis, dass jeder einzelne Mensch sich seine eigene Meinung bilden kann und soll. Bildung wurde zu einem wichtigen Standbein der Reformation. Luther übersetzte die Bibel ins Deutsche. Nun konnte sie jede und jeder lesen. Lehrbücher entstanden, in denen in Frage und Antwort der christliche Glaube erklärt wurde. Theologische Schriften wurden plötzlich heiß diskutiert. Aus einer Gesellschaft, die sich von oben diktieren ließ, was sie zu denken hatte, wurde eine Gesellschaft von mündig werdenden Menschen, die nach der Wahrheit suchten.

Das ist das Erbe der Reformation auch für unsere Zeit heute: Niemand kann und soll uns das Denken abnehmen. Jeder einzelne Mensch kann sich auch in unserer heutigen Welt zu Recht finden. Dazu gehört aber die Bereitschaft, neugierig zu fragen, sich zu bilden und durch gründliches Fragen und Forschen zu einer eigenen Meinung zu kommen. Das hilft gegen scheinbar einfache Antworten und macht immun für Fake-News. Wieso, weshalb, warum - wer nicht fragt, bleibt dumm!

Christian Weyer, Superintendent des Kirchenkreises Saar-West, ist Vorsitzender der Steuerungsgruppe, die das Reformationsjubiläum im Saarland geplant hat.


Christian Weyer Superintendent des Kirchenkreises Saar-West
Pfarrer Christian Weyer
Am Ludwigsplatz 5
66117 Saarbrücken
Telefon: 0681 9255233




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