28. März 2018
Rudolf Renner zu einem aktuellen Thema:

Welch ein Mensch!


Immer wieder staune ich über uns Menschen – was da alles klappt, damit wir leben können: Ich staune über die Abstimmung in unserem Körper, damit er funktioniert und nehme das alles so selbstverständlich hin.

Nur wenn es Schwierigkeiten gibt und mein Körper sich bemerkbar macht, merke ich plötzlich, dass alles längst nicht so selbstverständlich ist wie ich es denke.

Ich staune darüber, wie sehr wir uns belasten können, bevor wir an Grenzen kommen. Ich erfahre allerdings auch in meiner Arbeit in der Polizei und der Notfallseelsorge, welche Zusammenbrüche es geben kann, wenn ein Mensch mit seinen Belastungen nicht mehr zurecht kommt. Wie gut, dass es da Hilfe und Unterstützung gibt!
Ich staune über unsere sozialen Fähigkeiten – dass wir uns umeinander kümmern; dass es uns nicht egal ist, wie es dem/der anderen geht; dass wir uns anrühren lassen von Schicksalen anderer Menschen.

Ich staune über unsere Vielfalt – in unserer Region, in unserem Land, weltweit. Ich staune über die Vielfältigkeit und den Reichtum, den es unter uns gibt und verstehe nicht, warum das bedrohlich sein sollte. Das ist doch eine Riesenchance, die ich nicht missen möchte!

Und gleichzeitig frage ich mich, was bloß mit uns los ist!? Immer mehr Menschen halten sich an Anschauungen, die überheblich auf andere heruntersehen. Immer mehr teilen die Überzeugung, dass unser Land vorrangig für uns da ist und andere eigentlich nur toleriert werden, wenn sie unseren Wirtschaftsprozess voranbringen. Wenn wir uns „christliches Abendland“ nennen wollen, ist damit eine Offenheit gegenüber denen, die zu uns fliehen, eine Selbstverständlichkeit. Immer mehr Menschen lassen sich von einem Politiker beeindrucken, der sich selbst in den Mittelpunkt stellt und (christliche) Grundsätze des Miteinanders mit Füßen tritt. – Was ist bloß mit uns los!?

„Seht, welch ein Mensch!“ sagt der römische Statthalter Pontius Pilatus zu der Menschenmenge, als er ihnen den gefolterten Jesus präsentiert, kurz bevor er hingerichtet wird. „Seht, welch ein Mensch!“ – ich höre da zweierlei: Mitleid mit einem Menschen, der gequält, beleidigt und unschuldig zum Tod verurteilt wird. Und großen Respekt vor einem Menschen, der diesen Weg bewusst geht, bis zum bitteren Ende.

„Seht, welch ein Mensch!“ – das geht mir auch heute durch den Kopf: unendliches Staunen über das, was wir sind, was wir können und leisten. Und Entsetzen und ungläubiges Kopfschütteln über das, was wir einander antun, wie wir übereinander reden, was wir uns zumuten. Das ist doch nicht mehr menschlich, geht es mir durch den Kopf. Und doch passiert es zwischen uns.

Ich wünsche uns, dass diese Woche vor Ostern uns die Augen öffnet für all unsere Gaben und Fähigkeiten. Ich wünsche uns, dass sie uns die Augen für ein gutes, gerechtes Miteinander öffnet. Und ich wünsche uns, dass sie uns den Mund öffnet, wenn es darum geht, Gemeinheiten und Unmenschliches zwischen uns anzusprechen und zu überwinden.





Zurück