17. April 2021
Martin Vahrenhorst zu einem aktuellen Thema:

Barmherzigkeit des Herrn


Der zweite Sonntag nach Ostern trägt den schönen Namen „Die Barmherzigkeit des Herrn“. Sein Leitmotiv ist das vom guten Hirten, wie es zum Beispiel der Psalm für diesen Sonntag, der Psalm 23 entfaltet. Den musste ich im Konfirmanden- und im Religionsunterricht auswendig lernen. Das fand ich damals lästig, habe es bis heute aber nicht bereut.

Wenn Menschen über Gott nachdenken oder sprechen, brauchen sie Bilder. Anders können wir nicht beschreiben, wie wir Gott auf unseren Lebenswegen erfahren oder auch vermissen. Der Psalm 23 wählt ein Bild aus seinem Alltag. Er beginnt wie ein Hirtenidyll – saftiges Grün, frisches Wasser aber auch neues Leben in der Erschöpfung (das wünsche ich mir in diesen Tagen besonders). Spannend finde ich, dass der Psalm gerade dort ins Du wechselt, wo es ernst wird: „Du bist bei mir“ – das wird im finsteren Tal (Martin Buber übersetzt „Todschattenschlucht“) relevant. Da brauche ich das Du, das mich vor dem Absturz oder dem Gefressenwerden bewahrt, da brauche ich den, den die Religionspädagogin Martina Steinkühler den „großen Begleiter“ genannt hat. Dass dieses Du die Gelassenheit besitzt, mir einen Tisch zu decken, obwohl die Bedrohung mir unmittelbar gegenübersteht, finde ich faszinierend, weil ich mir diese Gelassenheit selbst wünsche: „Hauptsach gudd gess“ – und erst dann aktiv werden. Damit nicht genug: Selbst für angesichts der Gefahr so überflüssig scheinende Dinge wie Körperpflege und ein gut gefülltes Glas Wein bleibt Zeit.

Bisher hat der Psalm Gottes Handeln beschrieben oder mit Gott geredet. Nun betreten zwei neue Akteure die Bühne. Sie heißen im Original „Tov“ (mit offenem o wie in Koch) und „Cheßed“ (mit Ch wie in Nacht und e wie in Kette [soviel Zeit muss sein, auch Sie möchten, dass Ihr Name richtig ausgesprochen wird]). Gutes und Barmherzigkeit nennen wir sie auf Deutsch. Letzteres kann das Englische mit der unnachahmlich schönen Wendung „loving kindness“ (liebevolle Freundlichkeit) umschreiben. Diese beiden, das Gute und die liebevolle Freundlichkeit sind sehr agile Zeitgenossen, denn sie sind immer in Bewegung: Sie laufen Ihnen und mir nämlich hinterher, wohin wir auch gehen. Diese Vorstellung mache ich mir zuweilen vor schwierigen Gesprächen oder aufregenden Situationen bewusst: „Ich gehe da jetzt nicht alleine rein. Egal wie ich mich drehe und wende, wie zwei Leibwächter sind Gutes und liebevolle Freundlichkeit dabei“. Ich möchte Ihnen und mir diese beiden ans Herz legen. Es lohnt sich, kurz innezuhalten und nach hinten zu schauen: Sie sind wirklich da.





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