26. Juli 2020
Klaus Künhaupt zu einem aktuellen Thema:

Das dauert wohl doch noch...


Im Sommer 1914, Ende Juli, so wie jetzt, begann der Erste Weltkrieg. „Das dauert nicht lange“ versprachen sich die Menschen gegenseitig „Weihnachten haben wir gesiegt“. Es wurde vier Jahre draus und am Ende eine katastrophale Niederlage.

Ich muss daran  in den letzten Wochen der Corona-Pandemie oft denken. Ausnahmesituation. Alles ändert sich. Was gestern noch selbstverständlich war, ist plötzlich verboten/ eingeschränkt/ nicht mehr machbar. „Das kann ja gar nicht lange dauern, geht ja gar nicht. Dann bricht ja alles zusammen!“ sagten die Leute damals, und sagen sie heute wohl auch. Aber auch wir müssen so langsam erkennen: So schnell geht das nicht vorbei. Auch wenn es eigentlich gar nicht denkbar ist, wenn es eigentlich gar nicht geht: Das bleibt noch!

Aber was ist normal, was ist Ausnahme? Die ruhigen 2010er Jahre mit ihrer  Ruhe, dem wirtschaftlichen Aufschwung, waren sie  Normalzustand oder Ausnahme? Historisch gesehen war es eine Ausnahme. Und weltweit waren diese Jahre in Wahrheit ja auch nicht so ruhig und schön. Hundertausende wollten der verzweifelten Situation in ihrer Heimat entkommen und mit uns auf der Insel der Ruhe leben- Und auch da nur für die Gesunden, die Starken. Während all dieser Jahre brach täglich irgendwo in Deutschland eine Welt zusammen: Tod des Partners, Diagnose Krebs, Pleite des Betriebs…

Und da denke ich: Offenbar geht der Mensch nicht gleich kaputt, wenn seine Welt ins Wanken gerät. Wir können schon ganz schön viel aushalten, wir können schon ganz schön flexibel und ideenreich sein, wir sind ganz schön stark!

Für mich ist das ein Teil meines Glaubens. Wir haben mehr Kraft, als wir uns zutrauen. Wir haben schon oft erlebt, wie Kraft plötzlich da war, die wir nicht erwartet haben und die kaum aus uns selbst gekommen sein kann. Menschen in der Krise erleben das. Wir erleben das. In der Bibel steht das. „Ob ich schon wanderte im finsteren Tal fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir“ – das versteht der auf der sonnenbeschienen Wiese nicht. Das versteht nur der, der mit im dunklen Tal ist. Und davon redet die Bibel. Vom Menschen in der Krise. Also im Normalzustand. Wo die eigene Kraft nicht mehr reicht, wo nur noch Vertrauen helfen kann: Da ist mehr als wir, da ist größere Kraft in diesem Universum als meine. Aber sie ist für mich da.


Klaus Künhaupt Kirchengemeinde Merzig
Ausschuss für Öffentlichkeitsarbeit des Kirchenkreisverbandes An der Saar und Synodalbeauftragter für den Deutschen Evangelischen Kirchentag im Kirchenkreis Saar-West
Pfarrer Klaus Künhaupt
Am Gaswerk 7
66633 Merzig
Telefon: 06861/ 6295




Zurück