Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will ab Oktober in mehreren Studien sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen aufarbeiten. Die 20 Landeskirchen stimmten der Beauftragung eines unabhängigen Forschungsverbunds in einer digitalen Sitzung der Kirchenkonferenz einstimmig zu, wie die EKD am 18. Juni in Hannover mitteilte. Der Forschungsverbund soll in mehreren Teilstudien Ursachen und Besonderheiten von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche untersuchen. Vom Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, kam das Signal, eine übergreifende Dunkelfeldstudie anzugehen.

"Wir wollen Geschehenes rückhaltlos aufarbeiten, um so dafür Sorge zu tragen, dass künftiges Leid und Gewalt in Kirche und Diakonie bestmöglich verhindert werden", sagte die Sprecherin des Beauftragtenrates der EKD, Kirsten Fehrs. Nach Zahlen der EKD sind bislang 770 Menschen Opfer von sexualisierter Gewalt geworden.

Nach den Plänen des Forschungsverbunds soll es vier oder fünf Studien zu einzelnen Aspekten geben, etwa zu Täterstrukturen oder zu den Auswirkungen des sexuellen Missbrauchs auf die Biografie der Betroffenen. Außerdem ist eine Metastudie geplant, die sowohl bereits vorliegende Einzelstudien von Landeskirchen als auch die Teilstudien zusammenführt.

3,6 Millionen Euro Kosten

Die 3,6 Millionen Euro teure Studie soll den Angaben zufolge innerhalb von drei Jahren Ergebnisse liefern. Sie werde von Betroffenen begleitet, sagte die Hamburger Bischöfin Fehrs. So sollen Zwischenergebnisse regelmäßig mit Betroffenen diskutiert werden.

Der Betroffenenbeirat, der die Arbeit des Beauftragtenrates begleiten soll, solle im Laufe des Sommers berufen werden, teilte die EKD mit. Ursprünglich war geplant gewesen, dass der Betroffenenbeirat, der aus zwölf Mitgliedern bestehen soll, seine Arbeit im Mai aufnimmt. Doch zum Ende der Bewerbungsfrist Ende Januar hatten noch nicht genügend Bewerbungen vorgelegen, die Frist war daher auf Ende März verlängert worden. Die Auswahl der Mitglieder hatte sich zudem durch die Kontaktbeschränkungen infolge der Corona-Pandemie verzögert.

Die Studien sind Teil eines Maßnahmenpakets zum Schutz vor sexualisierter Gewalt, das die EKD im November 2018 beschlossen hatte. Seitdem hat die evangelische Kirche unter anderem die unabhängige "Zentrale Anlaufstelle.help" für Betroffene eingerichtet.

Eine ursprünglich vorgesehene Dunkelfeldstudie, die die Dimensionen des Kindesmissbrauchs erhellen sollte, wurde zurückgestellt. Das Vorhaben stellte sich für die EKD als zu teuer heraus, wenn es wissenschaftlich valide durchgeführt werden soll. Der Unabhängige Beauftragte Johannes-Wilhelm Rörig sagte am 18. Juni bei einer Video-Pressekonferenz mit Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), dass eine solche Studie "ganz oben auf der Tagesordnung" des Nationalen Rats zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch stehe. Er wolle sich weiterhin dafür starkmachen.

Der Ulmer Kinderpsychiater Jörg Fegert forderte bei der Pressekonferenz ein umfassendes staatliches Monitoring des Dunkelfelds bei Kindesmissbrauch. Er zitierte Zahlen der Weltgesundheitsorganisation, wonach rund zehn Prozent der heute erwachsenen Menschen in Deutschland Erfahrungen mit Missbrauch in der Kindheit und Jugend gemacht hätten. "Der wahre Skandal ist das Ausmaß des unentdeckten Missbrauchs", sagte Fegert, der in einer Studie im März 2019 mehr als 100.000 potenzielle Missbrauchsopfer in der evangelischen Kirche angenommen hatte. Andere Wissenschaftler hatten danach die Datenbasis der Studie angezweifelt.

(epd)