28. Mai 2022
Martin Vahrenhorst zu einem aktuellen Thema:

Entscheidungen


Wie würden Sie entscheiden? Terroristen haben ein Verkehrsflugzeug mit 240 Passagieren an Bord entführt. Sie wollen es in einem vollbesetzten Fußballstadion (14.000 Zuschauer) zum Absturz bringen. Die Luftwaffe hätte die Möglichkeit, das Flugzeug vorher über offenem Gelände abzuschießen. Was soll die Regierung beschließen? Soll sie sagen: 240 zu töten ist besser als 14.240 sterben zu lassen? Soll sie den Standpunkt vertreten, dass man kein Leben gegen ein anderes aufrechnen darf? Gibt es eine Entscheidung, nach der man sich entspannt zurücklehnen kann: „Ich habe alles richtig gemacht!“? Dieses Beispiel kommt im Religionsunterricht immer mal wieder im Lernbereich „Ethisches Lernen“ zum Einsatz. Man kann daran schön lernen, dass es im Leben Situationen gibt, aus denen man nicht mit sauberen Händen herauskommt.

Soll man der Ukraine die gewünschten schweren Waffeln liefern, damit sie sich (was völlig legitim ist – nur dass wir uns richtig verstehen) gegen einen Aggressor verteidigen kann, oder wiegt das Risiko einer möglichen Eskalation schwerer? Ich bin froh, dass ich diese Entscheidung nicht treffen muss. Soll man einen 85 jährigen, der einen schweren Schlaganfall erlitten hat, sterben lassen, oder beginnt man mit der künstlichen Ernährung, weil man es anders nicht verantworten kann? In einer solchen Situation war ich schon mal. Mit sauberen Händen bin ich da nicht rausgekommen.

Martin Luther hat einmal seinem Freund Philipp Melanchthon, der vor einer solchen Dilemmasituation stand, einen Rat gegeben, den ich beherzigenswert finde: „Wenn du ein Prediger der Gnade bist, so predige nicht eine eingebildete Gnade, sondern die wahre. Wenn es die wahre Gnade ist, dann trage auch die wahre, nicht die bloß eingebildete Sünde . Gott heilt nicht, die bloß in der Einbildung Sünder sind. Sei [wirklich] ein Sünder und sündige tapfer, aber tapferer noch glaube und freue dich in Christo, der Sieger ist über die Sünde, den Tod und die Welt. Es muss Sünde geschehen, solange wir hier [auf der Erde] sind; dieses Leben ist keine Wohnung der Gerechtigkeit, sondern "wir warten", sagt Petrus, "auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt" (2Petr 3,13).“ -

Was soll das heißen? Luther nimmt ernst, dass es Entscheidungssituationen gibt, in denen man zwischen zwei Übeln wählen muss, sei es in der Politik oder am Krankenbett, egal, was man wählt – es ist ein Übel („Es muss Sünde geschehen, solange wir hier [auf der Erde] sind“, nennt er das). Statt seinen Freund unter der Last der Entscheidung zusammenbrechen zu lassen, lenkt er dessen Blick darauf, dass es einen gibt, der unser Entscheiden in seinen Händen hält: „Wenn du ein Prediger der Gnade bist, so predige nicht eine eingebildete Gnade, sondern die wahre“. Und darum können wir entscheiden, in Luthers Worten: „sündige tapfer, aber tapferer noch glaube“. Einer meiner Lehrer hat das auf die Formel gebracht: „Wir handeln auf Vergebung hin“. Gott bewahre uns vor Situationen, in denen wir darauf angewiesen sind – und er schenke uns Langmut und Barmherzigkeit im Blick auf diejenigen, die zwischen zwei Übeln wählen müssen.





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