13. Juni 2020
Martin Vahrenhorst zu einem aktuellen Thema:

Streit(-kultur)


Zweimal wird in der Bibel von der Erschaffung der Welt erzählt. Die beiden Geschichten finden sich im ersten und im zweiten Kapitel der Bibel (1. Mose 1 und 2) und widersprechen sich nicht nur im Detail. Dass sie dennoch hintereinander stehen, ist ein wichtiger Hinweis darauf, wie sie nicht verstanden werden sollen, nämlich als Tatsachenberichte, die als solche mit wissenschaftlichen Weltenstehungstheorien in Konkurrenz treten könnten. Die Bibel erzählt nicht davon, wie die Welt entstanden ist, sondern sie lädt dazu ein, über die Welt und ihre Schönheit zu staunen, über Gott, die Welt und unseren Platz darin nachzudenken. Beide Geschichten beschreiben die Aufgabe des Menschen etwas anders. In 1. Mose 1,28 kann man lesen: „Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet...“. In 1. Mose 2,15 heißt es hingegen: „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“ Einmal bekommt der Mensch den Auftrag, hinaus in die Welt zu gehen und sie in Besitz zu nehmen. Dann aber wird ihm ein Platz in einem umfriedeten Raum zugewiesen, den er zu bewahren und zu gestalten hat. Darüber hinausbewegen muss bzw. soll er sich nicht.

Diese beiden Verse sind mir schon lange vertraut, aber in den letzten Tagen hat mich die Coronakrise einen neuen Aspekt darin erkennen lassen. Die beiden Stimmen, die in den alten Geschichten laut werden, höre ich nämlich in diesen Tagen in vielen Gesprächen und auch in mir selbst: Rausgehen oder zu Hause bleiben? Die eigenen vier Wände hinter sich lassen, Freunde und Kollegen treffen oder doch lieber auf Nummer Sicher gehen und es bei Zoom Kontakten bewenden lassen; Schulen wieder für alle öffnen oder doch nur in minimalem Maße? In der öffentlichen Diskussion prallen beide Haltungen gelegentlich hart aufeinander, so wie man es in der Kampagne der Bild Zeitung gegen den Virologen Christian Drosten beobachten konnte. In der Sache zu streiten und Fakten bzw. Argumente gegeneinander abzuwägen ist grundsätzlich nie verkehrt. Sich dabei nicht zu zerstreiten, bleibt aber immer wieder eine Herausforderung. Die Menschen, die die biblischen Texte in die Form gebracht haben, in der wir sie heute kennen, waren offenbar der Ansicht, dass man unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem beieinander bleiben kann. So ist Tatsache, dass in der Bibel zwei miteinander konkurrierende Stimmen zwischen zwei Buchdeckeln vereint bleiben, für mich ein kleines Lehrstück in gelungener Streitkultur.





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