09. Oktober 2021
Andrea Lermen zu einem aktuellen Thema:

Uitwaaien - Gott stellt meine Füße auf weiten Raum (Psalm 31,9)


In diesen Tagen beginnen in vielen Bundesländern die Herbstferien. Auch wenn wir nicht mehr auf die Schulferien angewiesen sind, haben wir an Herbstferien festgehalten. Diese beiden Wochen im September/Oktober, in denen die Sonne schon tiefersteht, es abends früher dunkel wird und das Wetter oft rau ist, empfinde ich immer als etwas Besonderes.

Es ist meine Zeit des Jahresrückblicks und der Ernte und zugleich meine Vorbereitung auf den Winter. Ich sammle noch einmal Kraft für die bevorstehende Winterzeit und die meist grauen und trüben Tage, so kommt es mir vor.
Im Niederländischen gibt es ein wunderbares Wort, das dies für mich gut beschreibt: Uitwaaien. Es gibt dafür eigentlich keine gute deutsche Übersetzung. Durchpusten lassen, kennen wir, auswehen, wörtlich übersetzt trifft es nicht ganz.

Zum uitwaaien braucht es Wind und Wasser. Ferienwohnungen an der Küste werden oft mit der Überschrift lekker uitwaaien aan zee beworben.

Ich verbringe diese Zeit am liebsten an der Nordsee. Ich liebe es, am Meer spazieren zu gehen, die Weite des Strandes und des Himmels zu spüren. Meine Seele weitet sich. Ich bin Gast mitten in einem großartigen Naturschauspiel, Teilnehmerin und Zuschauerin zugleich.
Dieser unendlich weite Blick lässt mich tief durchatmen. Das Kommen und Gehen der Wellen, die Gezeiten mit ihrem abfließenden und anlaufenden Wasser, die Muster im Sand, die sie zurücklassen. Es ist faszinierend, wenn der Wind bläst und den Sand vor sich her weht, wenn er die Wolken treibt und in kleine Federn zerreißt und sie schließlich ein Stück vom blauen Himmel freigeben.

Ich liebe es den kleinen Strandläufern zuzuschauen, diesen winzigen beige-grauen Vögelchen mit den schwarzen Schnäbeln, die wie ein Spielzeug, das man mit einen Schlüsselchen aufgezogen hat mit winzigen Trippelschritten am Spülsaum entlangrennen und nach Futter suchen. Immer eilig, immer wachsam und auf der Hut. Darüber die Möwen, die sich dem Wind überlassen.

Ich spüre die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut, kann nicht widerstehen, die Schuhe auszuziehen und den Sand und das Salzwasser unter den Füßen zu fühlen. Der Wind zerzaust die Haare, streicht über das Gesicht, treibt Salz und Tränen in die Augen. Ich spüre die Kraft des Windes und des Wassers am eigenen Leib.

Genau das brauche ich. Uitwaaien. Wind und Meer. So durchweht und durchfeuchtet, mit freiem Kopf, klaren Gedanken und weitem und gelüfteten innerem Raum kann ich gut in die Winterzeit gehen.

Danke Gott, du stellst meine Füße auf weiten Raum.

 





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