21. November 2020
Martin Vahrenhorst zu einem aktuellen Thema:

Was bleibt, ist die Erinnerung?


Wie kommt man mit Kindern über Sterben und Tod ins Gespräch? Viele Kinderbücher geben dazu Anregungen (einige werden hier https://bit.ly/35OAKpq vorgestellt). In einem wird von einem Fuchs erzählt. Der hatte „ein langes und glückliches Leben, aber jetzt war er müde. Er schloss seine Augen und schlief ein … für immer“. Die Tiere des Waldes sind sehr traurig über den Tod ihres Freundes. Sie kommen zusammen und beginnen, von ihren Erinnerungen an den Fuchs zu erzählen. Während sie erzählen, wächst in ihrer Mitte ein Baum, der genau die Farbe des Fuchsfells hat. Mit jeder geteilten Erinnerung wird der Baum größer. Zum Schluss heißt es: „Der Baum der Erinnerung war groß und stark und bot allen Tieren im Wald Schutz. Er war voller Leben. […] Das Eichhörnchen fand ein gemütliches Zuhause in seinem Baumstamm und der Bär, das Reh und der Hase schliefen in seinem Schatten. Und so lebte der Fuchs in ihren Herzen, für immer.“ (Britta Teckentrupp, Der Baum der Erinnerung, München 2013).

Dass die Verstorbenen in unseren Erinnerungen weiterleben, ist die Botschaft vieler Kinderbücher zum Thema. Und da ist ja auch was dran. Von meiner Frau, die Jüdin ist, kenne ich den Brauch am Vorabend des großen Versöhnungstages eine Kerze für jeden Verstorbenen anzuzünden, an den sie sich besonders erinnert. Da kommen meist zwischen zehn und fünfzehn Kerzen zusammen, die dann vierundzwanzig Stunden lang brennen. Auch für meine Eltern stellt sie zwei Kerzen auf, obwohl sie die nie kennengelernt hat. Das schöne Ritual wirkt. Die Menschen, derer gedacht werden soll, sind in dieser Zeit in unseren Erzählungen und Erinnerungen ganz präsent.

Was aber, wenn sich niemand mehr erinnert? „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt“, heißt es in einem fälschlich Bertold Brecht zugeschriebenen Zitat. Wenn sich niemand mehr erinnert, dann verdorrt der eingangs erwähnte Baum der Erinnerung.

Ich möchte mich damit nicht zufriedengeben. Ich glaube, dass es einen gibt, der unserer bleibend gedenkt und uns und unsere Lebenswege liebevoll in Erinnerung behält. „So will ich doch deiner nicht vergessen“, heißt es in einem Dialog zwischen Gott und seinem Volk (Jes 49,15). Dass er sich erinnert, ist ein wesentliches Kennzeichen des biblischen Gottes. Wenn ich am Ewigkeitssonntag meiner Verstorbenen gedenke, dann glaube ist, dass ich nicht der einzige bin, in dessen Erinnerungen sie präsent sind.





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